Widening Circles, 2022

solo exhibition at the gimp in Berlin, May 2022
curated by Friedrich Hertz and Clemens Espenlaub

Doppelmond (Zierpen), 2 Kanal Video mit Sound, 4:42min, 2018
Doppelmond (100 Hz), 2 Kanal Video mit Sound, 5:51min, 2022
Doppelmond (150 Hz), 2 Kanal Video mit Sound, 1:25min, 2022
Doppelmond (200 Hz), 2 Kanal Video mit Sound, 2:44min, 2022
Mond, durch Bild wandernd, Video, 14:52min, 2022
Astrid (Doppel), Video, 6:53min, 2022
Mond (Wasser), Video, 14:52min, 2022
Schaum 1, Fine Art Print, 35x52cm, 2022
Schaum 2, Fine Art Print, 27x40cm, 2022


SOPHIE MEURESCH – Widening Circles

14 Minuten, 52 Sekunden. So lange benötigt der Mond, um von einem Ende der Ausstellungswand zum anderen zu gelangen. Für Mond, durch Bild wandernd hat Meuresch den Vollmond mit statischer Kamera gefilmt. Sein langsamer, fast nur am Bildrand wahrnehmbarer Gang entspricht in der Realität einer Geschwindigkeit von etwa einem Kilometer pro Sekunde. Was bei längerem Betrachten auffällt, ist das gleichbleibende Aussehen des Mondes. Das Phänomen ist schnell erklärt: Da der Mond für das Umkreisen der Erde genauso viel Zeit benötigt wie für das Rotieren um die eigene Achse, wendet er uns immer dieselbe Seite zu. Sein Kreisen um die Erde entspricht damit der Bewegung einer Fotografin, die um ihr Modell kreist, um es von allen Seiten aus zu fotografieren. In der Nacht, könnte man sagen, macht uns der Mond alle zu Stars.

Während sich in dem projizierten Bild nur der Mond bewegt, ist es in Doppelmond allein die Kamera, die für Bewegung sorgt. In jedem der vier Teile inszeniert Meuresch ein anderes Spiel: Sie bewegt den Mond mal schnell, mal langsam, zoomt hinein und wieder hinaus, lässt ihn verschwinden und wieder auftauchen. Dabei scheint sich der Mond immer wieder von einer anderen Seite zu zeigen: Schien er eben noch so elastisch wie ein Gummiball, wirkt er jetzt so zerbrechlich wie eine Lampe. Zeigt er sich links als Kraterlandschaft, ist er rechts nur ein einsamer Punkt im Weltall. In gewisser Hinsicht ist Doppelmond ein Spiel mit der Kamera unter veränderten Vorzeichen: Gemeint ist hier nicht das expressive Posieren vor der Kamera, sondern ein Spiel hinter der Kamera, das dem regungslosen Gesicht des Mondes immer wieder neuen Ausdruck verleiht.

Die Arbeit Mond (Wasser) beantwortet die Frage, wer oder was für Bewegung sorgt, noch einmal anders. Die sichtbare Bewegung geht hier nicht von der Kamera aus und zumindest vordergründig auch nicht vom Mond. In Bewegung ist hier allein das Medium, in dem sich das Mondlicht noch einmal spiegelt. Tatsächlich ist das quecksilberne Leuchten der Wasseroberfläche das Ergebnis einer doppelten, gewissermaßen kreisförmigen Reflexion: Im Rücken der Erde strahlt die Sonne, der Mond lenkt das Licht in Richtung Erde und das Wasser wirft es zurück an den Himmel. Dabei verleiht die fließende Bewegung dem Licht etwas seltsam Lebendiges und zugleich Unwirkliches. Als wäre der Mond, reflektiert in einem Element der Erde, nicht mehr Teil von dieser Welt.

Für Astrid (Doppel) hat Meuresch ein Modell mit zwei leicht versetzten Kameras gefilmt und Anweisungen zu unterschiedlichen Posen gegeben. Im Kontext der Ausstellung irritiert die Arbeit auf besondere Weise. Das Objekt der Betrachtung ist hier kein gesichtsloser Gegenstand, sondern ein Mensch, der zu uns zurückschaut. Durch die Verdoppelung der Perspektive entsteht eine ganz eigene Logik des Blicks: Während wir uns in jedem Augenblick entscheiden können, ob wir nach links oder rechts schauen, ob wir dem Blick des Modells ausweichen oder ob wir ihn suchen, scheint Astrid immer beides zugleich zu tun. Auch wenn sie nicht zu uns schaut, sieht sie uns an. Während der Titel der Ausstellung als Anspielung auf Rilkes „wachsende Ringe“ gelesen werden kann, erinnert Astrid (Doppel) an einen anderen Vers des Dichters: „denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

Schaum 1 und 2 sind die einzigen Standbilder der Ausstellung. Als Fotografien sind sie selbst bewegungslos, aber das, was sie zeigen, ist Bewegung in Reinform. Die beiden Fotografien erscheinen damit als eine Art Gegenstück zu Mond, durch Bild wandernd. Ging es dort um eine Unveränderlichkeit in der Bewegung des Kreisens, geht es hier um das Festhalten von etwas, das schon im nächsten Augenblick unwiederbringlich verloren ist. Anders als auf den Mond schauen wir nie zweimal hinaus auf das gleiche Meer.

Clemens Espenlaub